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Red Tape Parade

Storie von: arne, am 15.11.2008 ]

Während sich etliche angesagte Hardcore-Bands vornehmlich über ihr Image und nicht die Musik „vermarkten”, wählen RED TAPE PARADE den genau entgegen gesetzten Ansatz. Mit dem erklärten Ziel gestartet, der Underground-Szene Hingabe, Aufrichtigkeit und Melodie zurück zu bringen, spielen sich die fünf Bayern auf ihrem Debüt-Longplayer durch einen unterhaltsamen und beständig veränderten Stil-Mix aus temporeichem Old School-Hardcore, eingängigem Punk-Rock und einem an den frühen Dischord-Tagen angelehnten Emo-Verständnis.

 
„RED TAPE PARADE gibt es seit Ende 2007. Wir haben die Band gegründet, weil wir das Bedürfnis hatten Punk und Hardcore zu spielen, wie wir ihn selber wieder mal gerne hören würden“, erläutert Bassist Oise Ronsberger. „Man MUSS über uns Wissen, dass wir höchst unattraktiv, stur sowie unzeitgeistig sind und dabei einen Hang zur Dicklichkeit haben.“ Shouter Wauz legt nach: „Falls das jetzt den Eindruck macht, als würden wir mit so einem einstudierten Loser-Image hausieren gehen: Dem ist leider nicht so. Haha. Jemand sollte mal die Chatprotokolle zwischen mir und Oise veröffentlichen. Das ist alles bittere Wahrheit: Wir sind ein Haufen verunsicherter, uncooler Typen, die ihre besten Jahre hinter sich haben, falls sie sie je hatten und die all ihre Ängste, Sorgen und Probleme in Punkrock-Songs kanalisieren.“ Das Debüt-Album der Band stellt schnell heraus, dass „Ballads Of The Flexible Bullet“ nicht die erste Platte der beteiligten Musiker ist: „Wir waren und sind bei ANYTHING BUT YOURS, STATIC 84, DRIVING THE SALT, CRAP ARTISTS und LA PAR FORCE aktiv“, klärt Oise auf. „Also sehr unterschiedliche Bands, die jedoch alle aus diesem DIY-Punk-Ding kommen, ohne zwingend in die musikalische Schublade zu passen.“

In ihr neues „Outlet“ sind die Süddeutschen mit bescheidenen Ansprüchen gegangen, wie Bassist Oise resümiert: „Als ich die anderen Mitglieder kontaktiert habe, um sie für eine relativ "klassische" Punkband zu gewinnen, hatte ich nur sehr klein gesteckte Ziele: Eine Handvoll gute melodische Hardcore-Songs schreiben und ein paar lokale Konzerte in Bayern spielen. Außerdem war mir wichtig, vor den ersten Shows ein Demo aufzunehmen, damit die Leute die Lieder im besten Fall bereits kennen und wir alle so mehr Spaß beim Konzert haben. Uns ist es relativ leicht gefallen, die Leute über die Band zu informieren, weil wir einfach das Internet so gut genutzt haben, wie es ging. Das Demo war umsonst im Netz erhältlich und dieser Umstand hat auch schon recht viel Aufmerksamkeit erregt. Ansonsten stecken wir uns kleine Ziele, planen eher über kurze Zeitspannen, da wir alle sehr beschäftigt sind. Es gibt keinen Business Masterplan.“ Noch bevor Let It Burn die Platte veröffentlichten, waren RED TAPE PARADE bereits im Vorprogramm The Casting Out unterwegs, ohne dass viele der Besucher sie kannten. Die Reaktionen fielen dementsprechend aus: „Na ja, meistens haben die Leute uns höflich distanziert dabei zugesehen, wie wir auf der Bühne unserer Jugend hinterher hecheln und so unser letztes bisschen Würde das Klo runterspülen“, so Oise. „Es gab aber auch durchaus großartige Konzerte mit vollem Publikumseinsatz und beschissene Shows wie in Trier, wo wir aus gefühlten 100 Meter Distanz wie Affen im Zoo angestarrt wurden. Uns ist alles recht. Wir sind ja schon Mal da und was die Leute aus dem Abend machen wollen oder wie sie dann auf uns reagieren, liegt nicht in unserer Hand. Hauptsache reagieren, tanzen, auslachen, Sachen schmeißen. Hauptsache etwas.“

Sänger Wauz sieht es ebenso und fügt hinzu: „Wobei man dazu sagen muss, dass Trier deswegen nicht das schlechteste Konzert auf der Tour war. Im Gegenteil! Wir haben uns halt dann einfach einen Spaß aus der Situation gemacht. Aber wie Oise schon richtig festgestellt hat, es ist schön, wenn Leute wenigstens irgendwie reagieren. Vielleicht bekommt das die "Generation youtube" nicht mehr ganz so gebacken. Die ist es wohl gewohnt, ein passiver Zuschauer zu sein. Mir ist es lieber, mich beleidigt einer aus dem Publikum oder schmeißt mir was an den Kopf, wenn ihm was nicht gefällt, als dass er mich apathisch anglotzt und sich dann in seinem Blog am nächsten Tag über mich auslässt.“ Die Gast-Vocals vom früheren Boysetsfire- und heutigen The Casting Out-Mitglied Nathan Gray, wie auch die gemeinsame Tour, sind kein Zufall, sondern Resultat einer jahrelangen Freundschaft: „Ich kenne Nathan seit 99, hab viele Jahre für seine Band gearbeitet und war bzw. bin noch immer ein großer Bewunderer seiner Stimme und seiner Texte“, führt Oise zu den Hintergründen aus. „Er hat zwar nur einen 10 Sekunden Auftritt, aber den hat er sowohl textlich als auch stimmlich dermaßen meisterlich hingelegt. Ich bekomme jedes Mal ne Gänsehaut, wenn ich das höre! Dass er auf dem Album singen würde, stand lange fest, bevor wir über eine gemeinsame Tour gesprochen haben.“

Viele der heute „angesagten“ Bands scheinen weder wirklich Spaß zu haben noch aufrichtig hinter dem zu stehen, was sie spielen. Bei RED TAPE PARADE ist es genau entgegen gesetzt: „Puh, zu anderen Bands kann ich mich da nicht wirklich äußern, vor allem weil ich nicht gerade die "Angesagten" höre“, meint Shouter Wauz. „Ich denke mal, wir haben es auch einfach: Wir machen diese Band, weil wir Lust darauf haben, weil wir Spaß haben wollen und weder die Illusion haben, damit eine Art Karriere zu machen, noch die Intention. Das mindert natürlich den Frustfaktor, den viele andere Bands durch diese ganzen Aspekte viel eindringlicher erfahren, weil sie da etwas höhere Erwartungen haben.“ Die besondere und „andere


“ Einstellung merkt man „Ballads Of The Flexible Bullet“ sofort an, denn die Scheibe klingt herrlich „unaktuell“ und authentisch, obwohl die Produktion modernen Ansprüchen durchaus gerecht wird. Die 16 Stücke leben einen besonderen Charme, der sich einerseits aus ihrer rückwärts gewandten Anlage und andererseits dem hohen Sympathie-Bonus, den man RED TAPE PARADE unweigerlich entgegen bringt, ableitet. Und doch sollte man als potenzieller Hörer ein „gewisses Alter“ mitbringen: „Sagen wir mal so: Wir sind eine Band, die nicht in eine Schublade passt, die optisch keine Identifikations- Möglichkeit bietet und auch mit gängigen musikalischen Trends nichts zu tun hat“, so Bassist Oise. „Das sind meiner Meinung nach alles Dinge, die man braucht, um ein junges Publikum für sich zu interessieren. Ich denke auch, dass auch unsere Texte eine gewisse Lebenserfahrung benötigen. Wir dreschen halt keine Polit- oder Posi-Phrasen. Wir versuchen, reflektierter an Sachen, während ich als Anfang zwanziger noch mehr auf der Suche nach Slogans war. Und Texte über sexuelles Versagen sind wohl ebenfalls mehr was für uns Ü30er.“ Wauz sieht ein etwas differenzierter: „Ich glaube schon, dass sich durchaus auch junge Leute in unseren Texten wiederfinden können, vielleicht in anderen Momenten als die "älteren Semester", aber wir sind ja nicht nur jammernde alte Säcke, die davon erzählen, dass früher alles besser war. Klar gehe ich jetzt bei meinen Texten anders an Thematiken ran, als ich das mit 16 gemacht habe, aber das kann ja für einen 16jährigen vielleicht sogar interessant sein.“

Das durchgängig intuitiv arrangierte und gespielte Song-Material von „Ballads Of The Flexible Bullet“ besitzt einen ausgeprägten Unterhaltungswert, wobei einige der Stücke sogar das Potenzial besitzen, ob ihrer hymnischen Tendenzen nachhaltig zu wirken: „Normalerweise komme ich mit einer Grundidee an“, berichtet Oise über das Songwriting von RED TAPE PARADE. „Wir spielen die dann ein paar Mal durch, jedes Instrument trägt seinen Teil bei und dann werde ich dafür ausgelacht, dass der Song mal wieder unter 1:30 Minuten ist. Die Herangehensweise ist sehr spontan. Wir machen das Lied musikalisch meistens in derselben Probe noch fertig, nehmen es auf und schicken es an Wauz, der dann im Keller seiner Mama den Gesang und Backings aufnimmt. Wir wohnen alle über ganz Bayern verteilt, proben also nur selten und haben für das wohl übliche "einmal-in-der-woche-jammen-und-song-reifen-lassen" keine Zeit und ehrlich gesagt auch nicht die Geduld.“ Sänger Wauz stimmt bestätigend ein: „Mein "Bandleben" besteht zu 80% wirklich darin, dass ich meine Mutter besuche und bei ihr im Keller an den Songs arbeite. Bei mir zuhause in der Wohnung kann ich nämlich schlecht rumschreien, ohne dass die Nachbarn die Polizei rufen, aber der Keller bei ihr ist recht schalldicht. Sie ist allerdings nicht sehr begeistert von der Musik. Sie meinte neulich mal zu mir: "Du bist jetzt bald 30, du kannst doch mal aufhören, zu schreien. Das will doch keiner hören!“

Wer ein Faible für authentischen und kraftvollen Hardcore besitzt, wird das sicherlich anders sehen und dem rundum gelungenen „Ballads Of The Flexible Bullet“ eine Menge abgewinnen: „Die Platte ist sehr persönlich geworden und steht für mich für den endgültigen Abschluss einer sehr schweren Phase meines Lebens. „Ballads…“ ist quasi sinnbildlich eine schwere Last auf meinen Schultern, die ich endlich los bin. Meine Hoffnungen sind bescheiden? Dass die Labels nicht zu viel Geld mit dem Album verlieren, haha. Dass Leute, die uns mögen könnten, uns zumindest antesten. Ob ihnen das Album gefällt, liegt dann nicht mehr in unserer Hand. Aber ich würde mich freuen, wenn sie der Platte zumindest eine Chance geben würden.“ Das Sänger hofft indes auch auf die Wirkung seiner Texte: „Ich hoffe, dass es irgendjemanden da draußen gibt, dem wir mit der Platte irgendwie geholfen haben, dem unsere Texte aus der Seele gesprochen haben und der sich in unseren Liedern wiedergefunden hat. Das wäre für mich der größte Lohn überhaupt. Ich weiß selbst, wie sehr Musik helfen und heilen kann und wenn einer unserer Songs/Texte nur ansatzweise da jemandem nützlich war, dann hab ich alles erreicht, was ich je erreichen wollte mit der Band.“ Für die nächsten Monate kündigen RED TAPE PARADE abschließend noch zwei weitere Releases an: „Das Frühjahr 09 bringt wohl eine Split 7" mit unseren Freunden von GHOSTCHANT und eine 7" auf Twisted Chords. Außerdem sind Touren geplant, über die wir aber noch nicht sprechen, weil die Gefahr, dass die mal wieder ins Wasser fallen, einfach zu groß ist. Darüber hinaus wird „Ballads…“ wohl noch in Malaysia und Indonesien veröffentlicht. Ich hoffe, eine Tour dort unten klappt dann auch noch in absehbarer Zeit!“ Sänger Wauz stimmt schon auf das neue Artwork ein: „Auf einem der Cover wird ein Biber-Foto sein, das möchte ich hier schwarz auf weiß festgehalten haben!“ Zudem hat er zum Schluss auch noch ein Zitat von Vinnie Stigma parat: „Saving the whales? How about saving CBGB´s, punk?“

 
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