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Naked Lunch

Interview von: Matthias Rauch mit Herwig Zamernik, am: 12.06.2004 ]

Naked Lunch sind zurück. Kaum einer hätte noch damit gerechnet, doch mit „Songs For The Exhausted“ hat man ein hervorragendes Album zwischen Melancholie, Hoffnung, Selbstmitleid und Weilheim aufgenommen. Aus diesem Anlass sprach ich mit Bassist Herwig, dem eine gewisse Interviewphobie wohl nicht abzusprechen ist, denn sobald das Aufnahmegerät aus war, plauderte der Mann herrlich ungebremst. Im Interview selbst gestaltete sich das Ganze eher zäh, wobei zwischen leicht dümmlich anmutenden Phrasen ala „Jede Platte ist die letzte Platte bis zur nächsten“ und sehr ehrlichen und direkten Darstellungen alles anzutreffen war. Nicht gerade eines der leichtesten Gespräche, aber gerade deshalb, wie ich finde, ein sehr gelungenes und interessantes. Bitte schön.

 

Musicscan: In jeder Story und in jedem Interview, das ich über euch zur neuen Platte gelesen habe, war immer wieder die Rede vom Neuanfang, vom Aufstehen, vom Weitermachen und den ganzen Labelgeschichten. Mich würde aber interessieren, was für euch nach über 13 Jahren gleich geblieben ist, gibt es eine Konstante bei euch?

Naked Lunch: Nichts. Oder wenig zumindest.

Musicscan: Bei euch gibt es also keinerlei Konstanten? Das ist schwer vorstellbar.

Naked Lunch: Unsere Konstante ist, dass wir Musik machen. Und die nächste Konstante ist, dass man sich immer wieder neu definieren muss. Aber das ist in deinem Leben ja wahrscheinlich genauso. Du hast ja auch schon dein Leben in den letzten 13 Jahren hundertfach umgeschmissen und alles anders gemacht, oder? Das geht mir nicht anders.

Musicscan: Und was lässt euch weitermachen?

Naked Lunch: Wir können ja nichts anderes. Es ist so und wir wollen ja auch nichts anderes. Wir machen schon seit jeher Musik.

Musicscan: Du könntest dir auch nicht vorstellen, etwas anderes zu machen in Zukunft?

Naked Lunch: Nein, das hätte auf jeden Fall immer etwas mit Musik zu tun. Das hat es immer schon. Ich habe in meinem ganzen Leben vielleicht 10 Tage richtig gearbeitet, also was man so unter „richtige Arbeit“ versteht. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern, glaube ich.

Musicscan: Wieweit plant ihr mit der Band voraus? Oder macht ihr das überhaupt?

Naked Lunch: Ja, aber es ist schon schwer planbar, außer wenn man weiß, von da bis da ist die Tour gebucht. Dann ist das natürlich schon planbar. Es ist ja nicht nur die Band. Es ist ja auch so, dass jeder von uns andere musikalische Sachen noch macht. Und mit denen wird das dann immer abgestimmt.

Musicscan: Wie hat sich denn die Chemie innerhalb der Band über die ganzen Jahre verändert?

Naked Lunch: Sicher verändert sich die, aber ich muss wieder zurück zum echten Leben. Eine Band ist ja eine Beziehung in irgendeiner Form. Bis auf Sex ist ja alles das Gleiche wie in einer normalen Beziehung. Es ist doch unnatürlich wenn man Monate zusammen in einem Doppelbett verbringt, wenn man unterwegs ist oder dass man so eng zusammen ist. Bei einer normalen Arbeit, wo man von 8 bis 5 Uhr zusammen ist, ist das ja auch nicht so. Da ist man zwar Kollege, aber wenn wir auf Tour sind oder im Studio sind, lebt man 24 Stunden miteinander. Das ist wie in einer Beziehung und natürlich verändert sich da die Chemie. Es geht nicht anders.

Musicscan: Gut. Würdest du denn sagen, dass diese Beziehung besser ist als früher?

Naked Lunch: Es ist anders. Wir sind alle älter geworden. Wir sind jetzt nicht mehr 20, sondern steuern auf die 30 zu.

Musicscan: Was ist denn das größte Kompliment, das man euch machen könnte?

Naked Lunch: Das ist schwierig. Dann sagt es ja keiner mehr, wenn ich jetzt sage, was das größte Kompliment ist. Das werde ich nicht verraten. Ich meine wir haben ja schon schöne Komplimente bekommen, dass es ein Meisterwerk ist. Mehr kann man eigentlich nicht erwarten.

Musicscan: Was war euch denn bei der letzten Platte besonders wichtig?

Naked Lunch: (Lange Pause) Meinst du während des Entstehungsprozesses?

Musicscan: Unter anderem.

Naked Lunch: Dass wir es überhaupt schaffe, sie fertig zu kriegen. Das war das Wichtigste. Das Überleben war eigentlich ganz schön wichtig bei dieser Platte, denn es war eine sehr, sehr harte Zeit, in der die Platte entstanden ist. Da war das Leben doch schon sehr schwierig zu meistern.

Musicscan: Gibt es auf dem Album so etwas wie einen roten Faden in thematischer Hinsicht auf dem Album für dich?

Naked Lunch: Ja, den gibt es. Der spiegelt genau die Zeit wieder. Unter diesem Stern ist diese Platte entstanden. Die Lieder für die Erschöpften. Es war wirklich eine sehr erschöpfende Zeit für uns alle. Für jeden anders, aber doch für jeden extrem.

Musicscan: Wie fühlt es sich denn jetzt an, es geschafft zu haben?

Naked Lunch: Für uns ist das Album ja schon länger fertig. Für uns ist es schon seit über 1 ½ Jahren fertig. Es hat lange gedauert und das ganze Gelaber von wegen Plattenfirmen, wer es rausbringt, bis die Platte rauskommt etc. Für uns ist die Genugtuung, es fertig zu haben schon wieder 1 ½ Jahre zurück, deswegen kann man ja auch schon wieder objektiv darüber reden.

Musicscan: Ich habe gehört, dass dies eure letzte Platte sein wird? Was kann ich davon halten?

Naked Lunch: Jede Platte ist die letzte Platte bis zur nächsten.

Musicscan: Also schließe ich mal, dass ihr schon vorhabt, als Naked Lunch weiterzumachen?

Naked Lunch: Prinzipiell schon.

Musicscan: Hängt das von den Resonanzen auf die Tour und die Platte ab oder hängt das ausschließlich von euch ab?

Naked Lunch: Nicht mal wir können uns dem so verschließen. Wenn es jetzt wirklich niemanden mehr interessiert, dann fragt man sich schon, ob man weitermachen soll in dieser Konstellation.

Musicscan: Und inwieweit ist das, was die Leute über euch denken im Hinterkopf, wenn ihr eine Platte macht?

Naked Lunch: Bei dieser Platte überhaupt nicht, in keinster Weise. Bei der Platte war es wirklich so, dass wir dachten, dass ist die letzte Platte, die wir machen. Und wenn es die letzte ist, dann ist es sowieso scheißegal, aber wir müssen die Platte noch machen.

Musicscan: Ihr schafft das also, euch von jeglichen Erwartungshaltungen von außen frei zu machen?

Naked Lunch: Schaun wir mal. Bei dieser Platte haben wir es auf jeden Fall geschafft, weil bei der sowieso nichts da war. Nichts zu verlieren und nichts zu gewinnen. Aber ich denke schon, dass man als erwachsener Mensch das kann und ich denke auch, dass das sehr wichtig ist, um Musik zu machen.

Musicscan: Was für einen Einfluss hatte den Olaf Opal auf das Album?

Naked Lunch: Einen großen. Deswegen haben wir ihn ja auch zum fünften Bandmitglied erklärt. In dieser Konstellation, in der wir uns schon seit 10 Jahren befinden, kann Olaf niemand ersetzen. Olaf ist ein fester Bestandteil für das, was wir machen mit Naked Lunch.

Musicscan: Ist die Band das Wichtigste in eurem Leben?

Naked Lunch: Phasenweise. Phasenweise flaut es dann wieder ab, dann ist es unwichtig und dann sind andere Sachen wichtiger. Aber in der konstanten Zeit von 13 Jahren ist es schon etwas sehr wichtiges.

Musicscan: Was könnte für dich denn wichtiger für dich sein als Musik?

Naked Lunch: Familie und die Liebe.

Musicscan: Kommt das denn nicht manchmal in Konflikt?

Naked Lunch: Das Eine nicht ohne das Andere. Ohne Liebe keine Musik, ohne Musik keine Liebe. Oder?

Musicscan: Ich kenne da genügend Menschen, die hier nicht unbedingt eine direkte Verbindung für sich sehen würden?

Naked Lunch: Wer ist das denn? Ich kann mir das für mich nicht vorstellen. Als ich mit meiner Freundin zusammengekommen bin, und das ist schon ganz schön lang her, da war klar, dass sie nie die „Entweder Oder“- Frage stellen darf. Das Eine ist doch genauso wichtig wie das Andere, ohne Konkurrenz. Sachen, die konkurrieren sind das Schlimmste, was es gibt. Ich meine, du triffst jemanden in einer Bar und da läuft Musik im Hintergrund. Woran wirst du dich in 10 Jahren, wenn ihr zusammengeblieben seid, erinnern? Liebe definiert sich total oft über Musik.

Musicscan: Woraus bezieht ihr eure Energie? Was inspiriert Naked Lunch?

Naked Lunch: Musik, das ganze Leben, aus Allem. Das Negative wie das Positive. Da muss ich jetzt schon wieder eine Gegenfrage starten. Woher nimmst du deine Energie für das, was du machst?

Musicscan: Aus der Musik und den Menschen, mit denen ich zu tun habe. Es war doch wahrscheinlich schon öfters einmal der Fall, dass du bemerkt hast, dass euch jemand ganz anders dargestellt hat, als ihr eigentlich seid.

Naked Lunch: Ja, aber so schlimm war es eigentlich auch nicht. Wir haben uns ja auch manchmal selbst blöd dargestellt, wo wir dann später oft draufgekommen sind und wir uns gefragt haben, was wir damit eigentlich wollten.

Musicscan: Hat man da überhaupt einen Einfluss darauf, wie man dargestellt wird?

Naked Lunch: Ja, habe ich doch jetzt.

Musicscan: Wirklich?

Naked Lunch: Ja, klar. Du kannst jetzt zum Beispiel nicht schreiben, ich bin ein drogennehmender Surfweltmeister. Also hat man schon ein bisschen Einfluss drauf, denke ich. Aber wir spielen ja nicht in einer Liga, wo die Bild da unten sitzt.

Musicscan: Aber so etwas passiert ja auch auf einer kleinen Ebene. Das hat mit Bildzeitung und Fernsehen eigentlich nichts zu tun.

Naked Lunch: Vielleicht verschlafe ich das, aber ich sehe das nicht so. Die Medien und die Bands beziehungsweise Interpreten sind ja eine Koexistenz. Wenn du jetzt einer wärst, der mir gegenüber feinselig daherkommt, dann würde ich aufstehen und gehen. Warum sollte ich mir das antun? In unserer Liga gibt es keine Paparazzi, keine schlechten Klatschseiten. Da gibt es vielleicht eine schlechte Kritik. Aber es steht ja jedem frei, zu sagen, das ist Mist. Ich sehe das nicht so.

Musicscan: Aber ihr seid euch auf der anderen Seite schon bewusst darüber, wie ihr euch präsentiert?

Naked Lunch: Wir haben uns eben beeindrucken lassen von dem ganzen Majording. Dass man von einer Stretchlimosine abgeholt wird und nach New York geflogen wird und lauter so komische Sachen. Da lässt man sich als Bub vom Land eben schon beeindrucken, das ist auf jeden Fall so. Und wenn dann irgendwelche PM’s, wie sie in der Fachsprache heißen, ich wusste selbst lange nicht, was das ist, das steht für Produkt Manager. Dann heißt es immer „Hi, ich bin eurer neuer PM“ und dir dann stundenlang irgendwelche Geschichten erzählt, wie das Marketing funktionieren soll und sitzt als Laie einfach nur da und hörst dir das an. Auch dadurch lässt man sich in die Irre führen und gerade auch deshalb hat man in der Vergangenheit Fehler gemacht. Das Ganze überbewertet oder sich selbst überschätzt oder die Welt falsch gesehen oder was auch immer. Aber da kommen wir wieder auf den Punkt zurück, dass das in jedem anderen Job auch so ist. Wenn du jetzt als Sechszehnjähriger anfängst in einem Supermarkt an der Kasse zu arbeiten, denkst du auch, dass das ein super Anfang ist, denn du bekommst mindestens 600 Euro im Monat. Und spätestens zwei Jahre später denkst du dann „was mache ich hier eigentlich, soll ich das jetzt immer machen“. Du veränderst dich dann eben oder auch nicht.

Musicscan: Das mag schon stimmen, doch mir ging es vielmehr um den Aspekt wie ihr ein bestimmtes Bild gegenüber der Presse gezeichnet habt, wie du das ja schon selbst vorher angesprochen hast.

Naked Lunch: Wir haben uns eben erzählen lassen, dass es wichtig ist, einem bestimmten Marketingkonzept zu folgen und dass es wichtig ist, dass der Song die erste Single ist und nicht ein anderer. Natürlich glaube ich daran mittlerweile überhaupt nicht mehr, schon gar nicht, wenn mir irgendein PM mir was erzählt. Und zwar weil das eben meistens Menschen sind, die mit diesen Stühlen genauso handeln würden wie mit der Musik. Das ist eben ein Stück mit dem gehandelt wird, was ja auch ok ist, denn sie sind ja nicht die Caritas. Sie wollen etwas verkaufen.

Musicscan: Aber diese ganzen Umstände sind ja jetzt bei Motor beziehungsweise Universal auch nicht anders.

Naked Lunch: Doch das ist jetzt schon anders, da wir ganz andere Ansprechpartner haben.

Musicscan: Inwieweit hat der Patrick Wagner damit etwas zu tun?

Naked Lunch: Auf jeden Fall. Das ist einfach ein Mensch, mit dem man sich sehr gern trifft auf ein Bier und sich einfach privat trifft und sich über ganz andere Dinge unterhalten kann. Da verliert man den ganzen Tag über nichts Geschäftliches ein Wort, sondern sich über seine Kinder unterhält. Was man eben so macht, nach dem dritten Bier.

Musicscan: Gab es denn da keine Bedenken, noch mal zum gleichen Konzern zu gehen und das ganze Spiel noch mal von vorne zu beginnen?

Naked Lunch: Wir fanden das ehrlich gesagt eher lustig. Das gibt es ja normalerweise eigentlich nicht. Wir fanden das eher witzig, dass uns der Patrick da hin holt.

 
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