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Polar

Storie von: arne, am 09.07.2019 ]

Das Quintett spielt zeitgemäßen Post-Hardcore im besten Verständnis. „Nova“ ist ein aufwühlendes, intensives Album, mit dem POLAR den nächsten Schritt gehen. Die Briten agieren leidenschaftlich und couragiert. Das desillusionierende Moment früherer Tage ist längst nicht mehr so stark ausgeprägt.

 
„Musik sollte einfach nur Musik sein und nicht in Genres eingeteilt werden“, erwidert Gitarrist Fabian Lomas darauf angesprochen, welchem der vielen aktuellen Sub-Stile er POLAR eigentlich zuschlägt. „Das ist zumeist einschränkend und sagt mir nicht zu. Wir wollen schlicht Musik spielen, die wir alle genießen und die auf unseren Einflüssen basiert. Wie du dir vorstellen kannst, haben wir viele verschiedene Einflüsse. Und wenn man viele verschiedene Musik-Stile hört und schätzt, was so ziemlich jeder, den ich kenne, tut, kann man als Künstler nicht nur einem Musik-Stil nachgehen. Ohne Raum zum Experimentieren geht es nicht. Daraus resultieren letztlich auch Wachstum und Entwicklung einer Band. Im kreativen Bereich darf nichts begrenzt werden. Zumindest ist das nichts, woran wir als POLAR interessiert sind. Es ist schön, dass die Menschen erkennen, dass wir aufgeschlossen vorgehen und eingestellt sind, denn das versuchen wir mit unseren Tracks zu vermitteln.“ Die Musiker, die eigentlich aus Guildford, Surrey stammen, sind eher zufällig in ihre Musik-Karriere geschliddert:

„Als wir die Band gründeten, gab es keine großen Pläne oder Hintergedanken“, erinnert sich Fabian. „Wir wollten schlicht einige Songs schreiben und Shows spielen. Dann wurden wir gesignt und gingen auf unsere erste große Tournee. Und damit war es plötzlich so, dass wir eine echte Band waren. Viele Leute hören uns zu und mögen das, was sie hören. Die Chemie innerhalb der Gruppe hat sich dadurch unweigerlich verändert, da sich unsere Leben verändert haben. Und wenn sich die Leben der Beteiligten ändern, kann sich manchmal auch die Besetzung der Band ändern. Das mussten wir bereits erfahren, dabei wollen wir lediglich die beste Band sein, die wir sein können. Wohin uns das noch führt, werden wir sehen. Wir wissen, dass es Kids gibt, die sich auf unsere Botschaft und unsere Lieder verlassen, weil sie ihnen in ihrem eigenen Leben helfen. Das bekommen wir natürlich mit und das beeinflusst uns. Deshalb versuchen wir, über wichtige Dinge zu schreiben, die Menschen berühren. Als Teil dieser Band sind wir älter geworden und dabei auch als Musiker gereift. Über die Jahre haben wir uns einen kontrollierten und weniger chaotischen Musik-Stil erarbeitet, der heute durchaus schwer, aber auch erhaben ausfällt.“

Die Evolution der inzwischen in London beheimaten Gruppe ist aber noch längst nicht abgeschlossen: „Während wir durch unsere Karriere schreiten, sind wir vor allem auf der Suche nach uns selbst“, weiß der Gitarrist. „Es ist sehr selten, dass eine Band das Rad wirklich neu erfindet. Ich denke, es geht mehr darum, qualitativ hochwertige Songs zu schreiben, egal wie schwer oder leicht einem das fällt. Wenn sich eine Band weiterentwickelt und neue Elemente in ihren Sound einbringt, die erfrischend klingen, dann hält sie ihre Fangemeinde bei Laune, während sie wächst und weitere Fans dazu gewinnt. In Bezug auf die Musik gibt es immer Einflüsse, die mal mehr, mal weniger durchscheinen. Wenn man mit anderen Bands auf Tour ist, hört man, wie sie zur Musik stehen und kann viel von anderen lernen. Wir haben inzwischen das Gefühl, dass wir wissen, worin wir gut sind und was uns nicht so liegt. Deshalb spielen wir vor allem mit unseren Stärken. Dieses Album fällt viel persönlicher als die vorherigen aus und basiert auf Erfahrungen, die wir als Menschen gemacht haben. Das ist unsere Inspiration. Um ehrlich zu sein, denke ich, dass die Ideen für dieses Album leichter zusammen gekommen sind, als die für die früheren Platten.“

Dabei sind die Umstände eher unbequemer geworden, wie Fabian erzählt: „Das Schreiben unterwegs auf Tour oder an fremden Orten beeinflusst das Songwriting. Der Komfort des eigenen Studios oder Zuhauses ist nicht immer vorhanden, so dass wir uns an die Gegebenheiten anpassen müssen. Auf Tour hat man dafür ausreichend Gelegenheit, Wege zu finden, sich auszudrücken und Dinge aus deinem Kopf mit Leben zu füllen. Man hat viel Zeit zum Nachdenken darüber, was das alles bedeutet und wie es miteinander wirkt. Ich höre so viele verschiedene Musikrichtungen wie möglich. Beschränkt man sich allein auf einen Stil, dann ist es viel wahrscheinlicher, dass man nur diesen Stil schreiben und umsetzen kann. Natürlich erscheint das offensichtlich, doch es ist wichtig, es auszusprechen. Erfrischende, interessante Musik schreibt man dann, wenn man das Beste aus allen Lebensbereichen herausholt und miteinander kombiniert. All seine Einflüsse zu vermischen, um einen eigenen Sound zu erhalten, funktioniert aber nur dann, wann das Songwriting offen und ehrlich erfolgt. Das bedingt, dass man seine Gedanken und Texte öffnet und die Worte so bewusst und wertig wie möglich wählt. Ehrliche Musik findet immer ihren Platz und Hörer, sofern man die Emotionen in Musik und Worten nachvollziehen kann.“ POLAR arbeiten aktiv daran, dass sich ihr Sound verändert und wächst:

„Wann immer wir mit der Erstellung einer neuen Veröffentlichung beginnen, versuchen wir bewusst, neue Stile einzubeziehen und den Sound so zu verändern. Dadurch richten wir unsere Erwartungen neu aus und stagnieren musikalisch nicht. Wir beginnen stets in der Mitte, wo es immer noch der gleiche Band-Sound ist, die zusätzlichen Aromen aber schon bemerkbar sind. Dasselbe Album wollen wir nie zwei Mal schreiben. Aus diesem Grund sind wir bereit, ausgehend vom Resultat von Experimenten weiter zu gehen, wie zum Beispiel mit 1980er Jahre-Synthie-Klängen, die wir neu mit hinzugefügt haben. Innerhalb der Songs helfen sie, ein anderes Gefühl zu erschaffen. Dabei sind wir uns bewusst, wo wir die Band für den nächsten Schritt hin entwickeln wollen. Wenn man als Musiker seine Fähigkeiten steigert, kann man auf das aufbauen, was an Sound bereits ist. Man muss aber auch wirklich


eine bessere Band werden wollen. Sonst funktioniert es nicht.“

Die elektronischen Flächen erweitern die Tiefe von „Nova“ und kaschieren ein Stück weit die Härte. Zudem unterstreichen sie die emotionale Ausrichtung des vierten Albums der Briten: „Hinsichtlich der Thematik der Songs ist definitiv ein Fortschritt zu verzeichnen“, stimmt der Musiker zu. „Worüber wir singen, kommt noch mehr von Herzen, denn es sind unsere Herzen, die sich in den Songs ausdrücken. Die Lieder sind authentisch und gefühlsecht. Das Songwriting ist zurückhaltender, in seiner Struktur jedoch besser angelegt. Das kommt von unserer größeren Reife und besseren Beherrschung unseres Handwerks. Die Songs sind im Allgemeinen weitaus runder ausgefallen. Das Songwriting wirkt direkt, aber platziert und mit Sorgfalt und Rücksicht formuliert. „Nova“ ist für uns das Forum, in dem wir uns als Menschen vorbehaltlos öffnen können.“

Die Stoßrichtung des modernen Post-Hardcore ist klar: „Wir suchen danach, mit unseren Songs eine Verbindung zum Publikum zu erschaffen“, bestätigt der Gitarrist. „Hörer sollen sich entweder lyrisch oder musikalisch mit uns in Beziehung setzen können. Unsere Alben und Songs sind so etwas wie eine musikalische Reise voller Erfahrungen, die wir ertragen und manchmal auch durchlitten haben. Hörer finden darin hoffentlich Trost oder Hilfe.“ Musik und Texte bilden dabei eine stimmige Einheit, die einer Veränderung unterworfen ist: „Ob man neuartige Sounds erschafft oder nicht, hängt davon ab, wie kreativ man sein will und wie man seine Einflüsse miteinander kombiniert“, meint Fabian. „Das Einbringen zusätzlicher, neuer Sounds kann eine Herausforderung sein, da nicht immer alles tatsächlich funktioniert. Das Finden der Sounds, die in den Mix passen, ist das angenehme und kreative Element beim Schreiben von Stücken. Musik war schon immer eine Neukombination zuvor bereits existenter Formen und Klänge. Mit Blick auf „Nova“ kann ich sagen, dass es viel schwieriger ist, etwas wirklich Gutes zu erreichen, wenn man als Band darauf aus ist, einzigartige Songs zu kreieren.“ Für den Musiker ist ein konsistentes, zusammenhängendes Album entstanden:

„Es fällt mir schwer, einzelne Songs hervorzuheben, weil „Nova“ verschiedene Spuren aufweist, die uns das Experimentieren erst ermöglicht haben. ,Sonder‘ ist ein Song, der sich deutlich vom Rest des Albums unterscheidet und im Wesentlichen instrumental mit so viel Atmosphäre wie möglich ausgestattet ist. Das ist Experimentieren, das abseits der normalen Songs liegt. ,Brother‘ ist ein weiteres Beispiel. Hier haben wir einem anderen Band-Mitglied die Leitung des Gesangs übergeben. Das Tempo des Songs und seine Instrumentierung klingen ebenfalls anders, so dass man uns zugestehen kann, wirklich experimentiert zu haben und ein Risiko eingegangen zu sein.“ Der Brite sieht auch für die Zukunft von POLAR keine Restriktionen, sondern viel Potenzial: „Künstler sollten Grenzen bezogen auf ihr Spiel keinesfalls akzeptieren. Musik ist eine so große Kunstform, dass jede Einschränkung nur eine Minderung der Kreativität bedeutet und so das Endergebnis beeinflusst. Es gibt ein Element der Tapferkeit, wenn es darum geht, neue Dinge auszuprobieren; neue Dinge, von denen man denkt, dass sie den Leuten vielleicht nicht gefallen. Doch wenn man diesen mutigen Schritt geht, treibt man sich und seine Grenzen voran. Man will schließlich nicht irgendwann auf die andere Seite übertreten und mit Bedauern auf seine Band zurückblicken. Meiner Meinung nach gibt es noch viele weitere Experimente, der sich unsere Band stellen muss.“

Das Londoner Quintett nimmt die Herausforderung an: „Musik kommt und geht heutzutage sehr schnell, so dass das kleine Stück Musik-Geschichte, in das unsere Band hineinschreibt, vielleicht gerade das authentische ist“, mutmaßt Fabian Lomas. „Die Leute können sich aus unserer Musik oder den Alben nehmen, was sie wollen. Für einige Leute da draußen wird „Nova“ ihr neues Lieblingsalbum sein. Für andere mag es gar nichts sein. Musik ist stets subjektiv, so, wie alle anderen kreativen Kunstformen auch. Da es niemals allen Hörern gefallen wird, kann man schon so ehrlich sein, das zu schreiben, was einem gefällt und von Herzen kommt. Alles andere wird durchschaut, weil es nicht echt ist.“ Thematisch präsentieren sich POLAR so verletzlich, wie niemals zuvor: „Unser letztes Album „No Cure, No Saviour“ handelte von Dingen, die wir in der ganzen Welt erlebt haben und zu denen wir starke Meinungen hatten. Wir sind keine politische Band, aber einige der Texte sind in diesen Bereich vorgestoßen. Unsere Botschaften sind authentisch gewesen, doch das neue Album ist nun viel persönlicher angelegt, handelt allein von uns. Alle Band-Mitglieder haben für dieses Album Themen formuliert und sich dafür schonungslos geöffnet. Wir waren ehrlich voreinander und miteinander, was zu einem besseren Album geführt hat. Als Band sind wir dadurch noch näher zusammen gerückt. Es gibt keinen Stein, den wir nicht umgedreht hätten. Dabei mussten wir uns nicht darum sorgen, was andere denken, denn wir – die Band – stehen hinter dem jeweils anderen. Der ganze Prozess war befreiend, denn wir konnten die Last von unserer Brust und Seele nehmen. Auf diese Art und Weise sind wir mit unseren Leben wieder ins Reine gekommen und haben uns gegenseitig geholfen. Diese Platte reicht tief, also hoffe ich, dass die Leute sie als Werkzeug benutzen, um auch sich zu heilen. Die Möglichkeit, anderen zu helfen, ist der lohnende Teil des Daseins als Band. Wir befinden uns diesbezüglich in einer privilegierten Position. Viele Bands versuchen, dorthin zu gelangen, wo wir schon sind. Wir wissen, dass etliche Menschen zu uns aufblicken und unsere Songs als Hilfe und Anleitung für ihren Alltag nutzen.“

 
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