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Nada Surf

Storie von: Matthias Rauch, am 28.04.2003 ]

Die meisten hätten wahrscheinlich schon lange das Handtuch geworfen, doch so leicht geben sich Matthew Caws und Gefolgschaft eben nicht geschlagen. Gerade wenn keiner mehr mit einem rechnet, kann man am ungezwungensten arbeiten. Der beste Beweis dafür ist das letzte Nada Surf Album "Let Go", das mit seiner introvertierten Leichtigkeit wohl so fast jeden überrascht hat. Mich eingeschlossen. Aus diesem Anlass fanden wir uns vor ihrer Show in der Frankfurter Batschkapp im Backstage Bereich wieder, wo wir auf einen sehr gut gelaunten Matthew Caws trafen, der sich auch nach einem Interviewmarathon von über 7 Stunden noch als sehr gesprächiger und offener Zeitgenosse herausstellte.

 

Nachdem Nada Surf mit ihrem Debütalbum "High/Low" aufgrund der Hitsingle "Popular" 1996 vom Insiderstatus zur Dauerrotation auf MTV und Konsorten aufgestiegen waren, weigerte sich ihre damalige Plattenfirma Elektra den Nachfolger "The Proximity Effect" in den USA aufgrund von einer fehlenden radiotauglichen Single herauszubringen. Das generell sträflich unterschätze Album wurde in Europa zwar veröffentlicht, ging aber aufgrund der fehlenden Promotion fast unbemerkt unter. In den USA steht das Release bis heute aus. Nach den üblichen Spielchen zwischen Band, die das Label verlassen will, und dem Label, das die Band nicht gehen lassen will - was sich übrigens über ein paar Jahre hinzog - ließ Elektra die Band endlich ohne "Ablösesumme" ziehen. Für die meisten Bands wahrscheinlich eine extreme Zerreißprobe.

Matthew sieht dies allerdings ganz anders: "Es war eine fantastische Zeit, weil ich genau wusste, dass wir mit der Band irgendwann wieder ins Rollen kommen würden. Wenn ich daran gezweifelt hätte, hätte ich mich um eine "normale" Karriere gekümmert. Ich hätte wahrscheinlich wieder für irgendein Musikmagazin geschrieben oder wäre wieder auf die Uni gegangen, aber das war ja nicht möglich, da ich wusste, dass wir in fünf Monaten wieder auf Tour sein würden. Also habe ich einfach bei einem Plattenladen gearbeitet und mir sehr viel Freiraum genommen und recht viel in der Nachbarschaft gemacht. Diesen Freiraum hätte ich mir nie gegönnt, wenn ich gewusst hätte, dass die Band nicht mehr am Leben ist."
Zuhause ist für Nada Surf New York City, die Metropole, in der Ira, Daniel und Matthew schon immer aktiv waren und die für sie trotz der manchmal recht intensiven Lebensbedingungen ein Ort der Inspiration ist. "Let Go" wirkt dabei mit ihrem ruhigen und introvertierten Charme wie eine Antithese zu New York. "Ich denke unsere erste Platte war textlich abstrakter. New York ist ein sehr stimulierender Ort, aber es ist auch sehr ungeordnet und unübersichtlich. Man versinkt in seine eigene kleine Welt. Jetzt lebe ich zum ersten Mal in einem Teil von Brooklyn, dessen Nachbarschaft sich sehr kleinstädtisch anfühlt. Ich bin in Manhattan aufgewachsen und habe schon an zahlreichen Orten in Manhattan gelebt, aber du triffst dort nie irgendwelche Freunde auf der Straße, egal wieviele Leute du kennst. Du triffst Leute vielleicht auf Konzerten, aber niemals einfach nur beim Kaffeholen. Von daher hat sich meine Lebensqualität in den letzten zwei Jahren definitiv verbessert, würde ich sagen. Und da ich jetzt ein normaleres Leben in Brooklyn führe, sind meine Texte weniger abstrakt und eher ‚neighborhood stories'. Wie kleine Erzählungen."

Man merkt Matthew deutlich an, dass er ruhiger, ausgeglichener und definitiv glücklicher ist also noch zu "High/Low"-Zeiten. Er könnte sich sogar vorstellen nach Portland, Oregon, zu ziehen, um dort etwas das ruhigere Leben zu genießen. Auch Europa steht ganz oben auf seiner Liste: da sein Vater Brite ist und auch Matthew einen britischen Pass besitzt, zieht es ihn schon lange mal nach London. An dieser Stelle kommt auch der britische Tourmanager in den Raum und bittet Matthew, nach dem Interview ein paar Poster für das örtliche Radio zu unterschreiben. Es wird sogar in liebevoller Kleinarbeit ein Schild mit "Sign these!!!" gebastelt. Wir sind entzückt.

Ich wollte wissen, ob die Herangehensweise an "Let Go" eine andere war als bei "The Proximity Effect"? "Ja, zum einen hatten wir keinen Produzenten. Eigentlich hätte Fred Mahr die Platte produzieren sollen, aber dazu kam es im Endeffekt nicht, da er zeitgleich einen Editing Job für die neue Korn Scheibe angeboten bekam. Er war zu dem Zeitpunkt genauso pleite wie wir und konnte deshalb nicht widerstehen. Also haben wir die Platte alleine aufgenommen. Wir waren absolut nicht vorbereitet, was sich als sehr gut herausgestellt hat. Wir haben einfach morgens ein paar Stunden gespielt und dann ist unser Engineer Chris gegen Mittag gekommen und wir haben einen Song aufgenommen. "No Quick Fix" zum Beispiel war ein First Take, nicht nur in Bezug auf die Aufnahme, sondern auch auf die Version, wie wir den Song spielten. Genau das mochte ich schon immer an alten Platten, man hört es am besten an Beatles Platten. Sie hatten so eine Menge Kohle, dass sie ewig im Studio waren und sie einen Song fünfzig mal spielen konnten, den sie gerade geschrieben hatten. Wir konnten das natürlich nicht machen, aber zumindest hat sich alles ein bisschen abenteuerlicher und aufregender angefühlt. Zudem hat keiner damit gerechnet, dass wir ein Album aufnehmen, also hat auch keiner zugehört. Das war wahrscheinlich das Beste an der ganzen Sache.

Man muss dazu sagen, dass Nada Surf die ganzen Studiokosten zuerst aus eigener Tasche und ohne Labelunterstützung gezahlt haben. Da man sich für ein Studio in Kalifornien entschieden hatte, buchte man einfach eine Tour quer durch die Staaten und benutzte die Merchandiseerträge einfach dazu, die Studiorechungen zu begleichen. In diesem Zusammenhang interessierte mich, wie die Leute auf die


neuen, doch wesentlich ruhigeren Songs live reagiert haben. "Wir waren zu Anfang schon sehr nervös. In den Staaten hatten wir zwischen den beiden letzten Alben nicht sehr viel getourt, außer in NYC natürlich, wo wir schon recht regelmäßig spielen. Aber als wir letzten Sommer nach Europa kamen, um Promotion für die Platte zu machen, hatten wir den Eindruck, dass die Leute in Frankreich und Deutschland uns als eine Art Foo Fighters betrachteten. Eine laute, crunchy Rockband eben, was wir ja nicht wirklich sind. Da dachte ich schon, dass einige Leute wahrscheinlich mit unserem neuen Sound nicht wirklich glücklich sind, aber das hat sich alles als unbegründet herausgestellt. Die Shows waren alle wirklich sehr gut, speziell in Deutschland."

Music-Scan: Hat sich denn deine Einstellung zur Musikindustrie geändert, nach allem was ihr mit Elektra durchgemacht habt? Ihr seid ja schon noch willens mit Majorlabels zusammenzuarbeiten, zumindest in Europa.
Matthew: In Europa schon. Gerade vor einer halben Stunde habe ich mit unserem amerikanischen Manager telefoniert, und der sagte mir, dass Warner Bros. nach South By Southwest (einer großen amerikanischen Musikmesse) ganz versessen darauf wären, uns unter Vertrag zu nehmen. Dann fragte er mich, was ich davon halte und ich antwortete ihm "gar nichts". Absolut gar nichts.
Music-Scan: Also bleibt ihr schon bei Barsuk in den Staaten?
Matthew: Ja auf jeden Fall. Kein Betrag der Welt könnte uns umstimmen. Wir sind wirklich glücklich auf Labels und ich weiß, dass Christoph (Labels-Chef) niemals eine Band signen würde, die er nicht mag. Das gleiche gilt für Jeff von Heavenly, unserem Label in England. Wir wollten eigentlich nie auf Elektra sein. Ich schickte damals das Demo an meine Lieblingslabels Merge, Touch & Go und Matador, aber natürlich antworteten sie nie darauf. Elektra waren zu der Zeit die einzigen, die unsere Anrufe entgegennahmen und Interesse an der Band zeigten, also haben wir bei ihnen unterschrieben.

Ich hatte Nada Surf nie als besonders politische Band wahrgenommen, da das Konzert aber praktisch am Abend vor Kriegsbeginn stattfand, wollte ich wissen, wie Matthew zu den Vorgängen im Irak steht und wie er die Lage als Amerikaner in seinem Land wahrnimmt. "Die ganze Sache ist schrecklich. Es gab eine sehr große Friedensdemonstration in New York am 15. Februar und es war die größte Demo, die ich jemals gesehen habe. Sie haben die Brücken nach Manhattan für 4 Stunden geschlossen und trotzdem waren es insgesamt wohl über 700.000 Menschen. In den Medien sprachen sie dann natürlich von 100.000. Es ist immer das selbe und sehr ärgerlich. Es sind sehr schlechte Zeiten momentan. Außerdem bedeutet Meinungsfreiheit nichts mehr, wenn sich die Presse nicht mehr traut, das zu sagen, was sie wirklich denkt. Theoretisch könnten sie sagen, was sie wollen, aber sie tun es leider nicht. Auch die ganzen Umfragen sind doch lächerlich, da verdient jemand dickes Geld damit. Ich weiß gar nicht, was ich noch sagen soll, es ist alles sehr frustrierend. Wenn Leute sich fragen, warum es keine gewalttätigere Konfrontation von Seiten der Jugend gibt, ist die einfache Erklärung, dass die USA zu lange ein sehr friedlicher Ort gewesen ist und deshalb so eine Kultur momentan einfach noch nicht vorhanden ist. Wir werfen keine Steine, denn wir glauben vielleicht etwas naiv, dass die USA ein recht rationaler Ort ist, an dem man seine Meinung frei äußern kann. Ich denke, dass es aber sehr begrüßenswert ist, dass es schon vor dem Krieg eine starke Opposition gibt. Die gab es während dem Vietnamkrieg erst drei bis vier Jahre später."

Matthew fühlt sich auch verpflichtet, sich auf der Bühne gegen den Krieg auszusprechen. "Es nützt wahrscheinlich nichts, aber es ist eine moralische Verpflichtung für mich. Ich bin kein guter Theoretiker oder Geschichtswissenschaftler, aber ich frage mich, ob die Lethargie und die fehlende Bereitschaft, zu erkennen, dass sich manche Dinge ändern müssen, nicht mit der Sicherheit und dem Wohlstand in den USA zu tun haben. Außerdem war die Darstellung des 11. September in den Medien sehr verwirrend für die Leute. Sie sind seitdem einer totalen Reiz- und Informationsüberflutung ausgesetzt. Es wurde so getan, als ob wir uns wieder im zweiten Weltkrieg befänden, als die größte Sache, die jemals begangen wurde. Und diese Darstellung in den Medien hat sich im Unterbewusststein der Leute festgebissen, so dass viele Menschen jetzt glauben, dass jede Reaktion gerechtfertigt sei. Sogar gegen jemanden, der damit nicht unbedingt in Verbindung steht und der vor fünf Jahren genauso viel Macht inne hatte, wie heute. Nur das hat damals niemanden interessiert.

Da hat er wohl recht, wie sowieso mit dem meisten, das Matthew Caws von sich gibt. Nada Surf hat einiges durchgemacht und man merkt Matthew immer an, dass er das ganze Musikgeschäft mit all seinen Widersprüchen und lächerlichen Facetten jetzt wesentlich distanzierter betrachten kann als zuvor. Als Mensch und Musiker hat ihm das hörbar gut getan. Ich sage nur "Let Go".

 
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