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Heaven Shall Burn

Storie von: arne, am 16.04.2013 ]

Zum Jahreswechsel begingen HEAVEN SHALL BURN ihr 15-jähriges Band-Jubiläum und spielten ihre 500. Show. Mit „VETO“ erscheint nun das siebte Album der imposanten Karriere der Thüringer. Der Elf-Tracker belegt, dass sich der treibende und hymnische Stil zwischen Melo-Death und MetalCore nach wie vor entwickeln und ausbauen lässt. Bin hin zum großartigen Blind Guardian-Cover ,Valhalla‘ punktet das Quintett mit gleichsam lebendigen wie fokussierten Songs, die noch dazu klare Aussagen transportieren.

 
Apropos Texte, in Bezug auf HEAVEN SHALL BURN wird häufig sehr stark auf die kritischen Lyrics und Statements, jedoch weniger auf die Musik, abgestellt. Der Gruppe ist sogar schon zugesprochen worden, die „wichtigsten Texte“ überhaupt zu schreiben. Gitarrist und Texter Maik Weichert mag dieses Kompliment am Telefon nicht so recht annehmen und relativiert: „Natürlich gibt es Bands, die wichtigere Texte schreiben, als wir es tun. Ich würde es mir gar nicht anmaßen, so etwas zu behaupten. Wenn das aber jemand sagt, der Fan unserer Band ist, ist das natürlich ein riesengroßer Ritterschlag. Das liegt aber auch ein Stück weit daran, dass heutzutage viele Bands die Möglichkeit auslassen, etwas mit Worten auszudrücken. Da wird die Meinungsäußerung zugunsten von Texten über die Ex-Freundin oder andere Nichtigkeiten aufgegeben. Für HEAVEN SHALL BURN ist es hingegen typisch, dass wir Wert auf unsere Texte legen. Wenn jemand ein Interview mit Trey Azagthoth, dem Gitarristen von Morbid Angel, führt, gibt es viel über sein Spiel und seine Technik zu bereden. Worüber will man aber mit mir sprechen? Ich bin ein unterdurchschnittlich begabter Gitarrist, der offensichtlich dennoch einige ganz coole Riffs spielt, der aber nicht wirklich sonderlich innovativ ist. Das Innovative oder Besondere an HSB sind schon die Texte. Von daher ist es eine logische Konsequenz, dass man mit mir darüber redet. Das ist es ja auch, was uns von anderen Bands unterscheidet. Wir haben eine Haltung. Es ist uns nicht egal, wer auf unseren Konzerten rumrennt. Es ist uns nicht egal, wer uns hört. Wir wollen nicht jedermanns Liebling sein, sondern klar Stellung beziehen, auch wenn das manche Leute vergrault.“

Der Gastauftritt von Rob und Dominik von Born From Pain im Song ,Die Stürme rufen Dich‘ passt da gut in den Kontext, denn auch diese Band zeigt klare Kante und führt die gesellschaftskritische Hardcore-Tradition fort: „Das ist genau der Grund“, bestätigt Maik die Vermutung. „Born From Pain sind eine Band, die für etwas steht und die das Maul aufreißt, wie wir es tun. Wenn du nach einer solchen Gruppe suchst – wen willst du da nehmen? Der BoySetsFire-Sänger war gerade auf der Neaera-Platte dabei. Dann kannst du noch Napalm Death einladen und eben Born From Pain, die zudem noch gute Kumpels von uns sind. Sie waren ein Konzert in Jena spielen. Da bin ich schnell hingefahren, habe sie aus dem Backstage gezerrt, ins Studio gefahren und dann mussten sie einsingen. Das war eine kurzfristige Sache. Dass sie mitmachen sollten, war schon länger geplant. Die konkrete Umsetzung war spontan, doch sonst hätten wir das anders gelöst.“

In den Songs ,53 Nations‘ und ,Antagonized‘ werden Themen und Personen aufgegriffen, die im der ehemaligen DDR zu assoziieren sind. Das passt dazu, dass HEAVEN SHALL BURN gelegentlich als die (!) Metal-Band aus Ostdeutschland dargestellt werden. Der Gitarrist kann das nachvollziehen, ordnet die Motivation der Texte aber in einen größeren Rahmen ein: „Das hat eigentlich viel mehr mit aktueller Kritik zu tun. Gar nicht so sehr damit, dass wir in der Vergangenheit verhaftet sind. Mir fällt immer wieder auf, dass die DDR als Horror-Kabinett dargestellt wird, wenn etwas berichtet wird. In vielen Punkten wird natürlich berechtigte Kritik geäußert, doch es wird auch über viele Sachen nicht berichtet, weil sie ein negatives Licht auf die heutige Situation werfen könnten. Zum Beispiel die Frage, ob bestimmte Unternehmen nicht staatlich sein könnten, um die Profite dem Staat zugutekommen zu lassen. Oder wenn es um Kinderbetreuung und damit zusammenhängende Fragen geht, wird überhaupt nicht gerne über die DDR geredet, weil da ein einfacheres Beispiel stehen könnte in Fragen, in denen unsere Politiker sagen, dass es nicht geht und man es nicht machen könne. Doch es geht, den Beweis gibt es ja. Das ist meine Motivation. Mit Blick auf den DDR-Bürgerrechtler Walter Schilling, über den wir sprechen, ist es interessant, wer heute in den Medien als DDR-Bürgerrechtler dargestellt wird. Unser Bundespräsident war sicher auch ein engagierter Mann, doch in den Jahren vor der Wende ist sein Name nirgendwo aufgetaucht. Ich habe mich im Rahmen meiner Doktor-Arbeit lange und intensiv mit der Opposition in der DDR beschäftigt. Der Name Gauck ist mir dabei nicht über den Weg gelaufen. Oder wenn ich das Beispiel Angela Merkel nehme. Den meisten Leuten ist überhaupt nicht bewusst, dass unsere Regierungschefin ein Mädel aus einer ehemaligen DDR-Regierungspartie ist. Wenn das stärker im Bewusstsein der Leute verankert wäre, würden sie ihre Politik in Teilen vielleicht anders sehen. Walter Schilling, mit dem ich mich in einem Song beschäftige, hat auch nach der Wende seinen Mund aufgerissen und Missstände im vereinigten Deutschland angeprangert. Das hat ihm nicht unbedingt zu Popularität verholfen wie den Bürgerrechtlern, die in den großen Partien Karriere gemacht haben.“

Die Biografie der Thüringer spielt bei der Wahl der Themen offenkundig eine große Rolle; auch in Bezug auf die Ableitungen für die heutige Zeit: „Dass wir mitbekommen haben, dass ein System nicht für die Ewigkeit gestrickt sein muss, ist ein brandaktuelles Thema,“ sagt Maik. „Es gibt viele Leute, die nichts anderes kennen als das System der Bundesrepublik, in der sie geboren und aufgewachsen sind. Die denken, dass das immer so weiter gehen wird und nichts passieren kann. Für Leute, die bereits erlebt haben, wie ein System praktisch über Nacht verschwindet,


ist das eine ganz andere Sache. Uns ist bewusst, dass es keine Ewigkeitsgarantie gibt.“ Gleichfalls wissen HEAVEN SHALL BURN, dass Protest und Aufbegehren zu Veränderungen führen kann: „Der Protest auf der Straße ist aber das letzte Mittel. Wäre die DDR ein gesundes Regime gewesen, dann wäre es nie so weit gekommen. Die Leute wollten ja, dass es kippt. Andererseits kann man auch argumentieren, dass es für die Menschlichkeit des Systems spricht, dass der friedliche Protest in dieser Form möglich war. Man hätte ihn ja auch niederknüppeln können, wie es 1953 der Fall gewesen ist. Glücklicherweise sind 19889 andere Leute an der Macht gewesen – nicht unbedingt nur in der SED, sondern auch bei den Sowjets. Da es uns um die Kritik an den herrschenden Umständen geht, ist der Abgleich ein probates Mittel. Unsere Herkunft fließt dabei ganz natürlich mit ein. Wir verstecken das auch nicht. Ich meine, wir haben kürzlich einen Studio-Trailer mit Elsterglanz gemacht. Mehr kann man zu seinen ostdeutschen Wurzeln nun wirklich nicht stehen.“

Im vergangenen Jahr erreichten HEAVEN SHALL BURN unverhofft mediale Aufmerksamkeit, als es beim With Full Force-Festival in Folge eines Unwetters zu vielen Verletzten kam. Der Gitarrist zeigt sich dem gegenüber ernüchtert: „Mittlerweile weiß man ja, wie Medien funktionieren. Dass das dann so große Kreise gezogen hat, war dennoch nicht zu erwarten. Die Funktionsweise, wie es passiert ist, hat mich aber nicht überrascht. Die verkürzte Darstellung, dass die Band HEAVEN SHALL BURN gespielt hat und beim Intro des Songs ,Endzeit‘ ein Blitz auf der Bühne eingeschlagen hat und so-und-so-viele Leute verletzt wurden, ging an der Realität aber weit vorbei. Es ist zwei Stunden nach unserer Show passiert. Solche Einzelheiten fielen in den Medien unter den Tisch. Das ist die Art und Weise, wie heutzutage Headlines gestrickt werden.“ Während der Musiker die Berichterstattung über das With Full Force nicht weiter kommentiert, ist dies bei den Texten von „VETO“ und den früheren Alben etwas, dass praktisch mit dazu gehört. Gelegentlich ist den Thüringern schon zugesprochen worden, sie verfolgten einen Bildungsauftrag: „Es gibt auch viele Sachen, die wir nicht erklären,“ entgegnet Maik Weichert. „Zu einigen Songs habe ich noch nie ein Statement abgegeben. Es steht auch nicht zu allen etwas in den Booklets. Bildungsauftrag halte ich auch nicht für das richtige Wort. Denkanstoß trifft es vielleicht besser. Wenn ich etwas über die Internationalen Brigaden in Spanien schreibe, dann kann sich jeder einen eigenen Standpunkt dazu bilden. Vielleicht liefere ich für einige Leute einfach auch nur die Erklärung dafür, warum Politiker in der ehemaligen DDR-Regierung gelandet sind. Sie haben in den Brigaden gekämpft und sind unter Umständen gerade deshalb solch harte und verbiesterte Persönlichkeiten gewesen. Das kann jedenfalls eine Erklärung sein. Wir schwingen nicht immer nur die Heldenkeule. Wir präsentieren Standpunkte und Denkanstöße.“

Plakativ, deutlich und scheinbar militant geht es aber auch, wenn man sich ,Hunters Will Be Hunted’ anschaut: „Ich nutze da bewusst ein künstlerisches Stilmittel. Dass ich nicht selbst in den Wald gehe und Jägern eine Ladung Schrot in den Arsch schieße, ist klar. Im kommenden Video wird man sehen, dass der Text im übertragenden Sinn zu verstehen ist. Man kann es aber natürlich auch direkt auslegen, wenn man will. Der Song ist Sea Shepherd gewidmet, das ist bekannt. Diese Organisation setzt unter anderem vor der Antarktis internationales Recht um und legt sich mit Jägern und Fischern tatsächlich an, weil sie sich dort kriminell aufhalten und fischen.“ Diesbezüglich bewegen sich HEAVEN SHALL BURN in der Tradition von Bands wie Earth Crisis, Vegan Reich oder auch Ignite (nicht musikalisch).

Was die Produktion und die Ausgestaltung der Tracks zwischen Melo-Death und MetalCore anbelangt, erweitern die Thüringer auf „VETO“ hörbar ihr Spektrum, indem sie ihren Songs und dem Gesang mehr Dynamik und Variabilität, aber auch eine organischere Produktion, gönnen: „Die Situation hat man ja sehr oft: Man ist im Studio und bildet sich ein, es besser zu wissen. Per se unterstellt man dem Produzenten, er wisse nicht, was für die Band wirklich gut ist. Am Ende richtet man sich nach dem, was man selbst will und schleicht beim nächsten Mal dann mit gesenktem Kopf zurück ins Studio und sagt zu Tue Madsen „Ja, du hast Recht gehabt.“,“ äußert der Gitarrist zu den Hintergründen. „Wir haben es drei Mal erlebt, dass die Platten wohl noch besser gewesen wären, wenn wir auf Tue‘s Ratschläge gehört hätten. Das hat uns geärgert. Deshalb haben wir dieses Mal ganz bewusst gesagt, okay, wir nehmen uns die Kritik, auch die der Fans, zu Herzen und versuchen, es besser zu machen. Es war gut, dass wir an diesen Punkten gearbeitet haben. Wir sind nicht länger beratungsresistent.“

Hinsichtlich der beiden Versionen, die von „VETO“ existieren, mag sich Maik nicht festlegen, welcher er persönlich den Vorzug gibt: „Das lässt sich schwer sagen. Beim Mix von Tue Madsen standen wir selbst mit im Studio und haben intensiv mitgearbeitet. Da steckt also mehr von uns drin. Der Colin Richardson-Mix gefällt uns aber auch gut und ist interessant. Deshalb veröffentlichen wir ja beide Versionen. Ich möchte und kann keine Priorisierung vornehmen. Die Leute sollen für sich entscheiden, welchen Mix sie lieber mögen. Besser oder schlechter kann man nicht sagen, denn beide Male ist es „VETO“.“

 
 Links:
  heavenshallburn.com
 
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